Skyline of Pudong

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Blick aus unserem Zimmer

Montag, 16. August 2010

Kuturschock in China - Teil III

Leg den Dünndarm nicht in den Bauch zurück!

3. Teil: Problem? Lösung! Das Loch im 29. Stock

Thomas wohnt im 29. Stock eines schicken Pekinger Appartement-Komplexes und genießt einen sagenhaften Blick. Ein Mittwoch im Oktober: In seiner Wohnung ist nichts mehr, wie es mal war. Im zehn Meter langen Designer-Panoramafenster klafft ein Riesenloch, das mittlere Element ist zerstört. Dahinter geht es in die Tiefe. Eigentlich nur 25 Etagen, denn den 4., 14. und 24. Stock gibt es hier nicht - die Zahl 4 steht in China für Unglück und Tod, und das Erdgeschoss gilt bereits als Level 1.

Thomas ruft Mrs. Táng im Management Office an, um den Schaden zu melden:

"Hallo, hier ist Thomas, Appartement Nr. 2903. Das mittlere Fenster meines Wohnzimmers ist kaputt." "Hallo. Ich wiederhole: Nummer zwei-neun-null-drei." "Ja, 2903. Das Fenster in meinem Wohnzimmer ist kaputt. "Sie wollen die Fenster putzen lassen?" "Nein! Das Fenster ist kaputt. Und zwar im neun-und-zwan-zig-sten Stock." "Wann wollen Sie die Fenster putzen lassen?" "Nicht putzen! Das Fenster ist kaputt. Keine Scheibe mehr! 29. Stock. Sehr gefährlich." "Kein Problem. Die Fenster sind sehr gute Qualität und können nicht kaputt gehen." "Das Fenster IST aber kaputt!" "Bitte rufen Sie morgen nochmal an." Und schon legt Mrs. Táng auf.

Ein neuer Tag. Mrs. Féng hat Mrs. Táng abgelöst und ist wesentlich pfiffiger. Besorgt ruft sie: "Bleiben Sie, wo Sie sind. Unsere Spezialisten kommen sofort." Binnen fünf Minuten betritt sie mit drei Handwerkern im Schlepptau die Wohnung, alle sind sichtlich bestürzt. "Ooohhhhh…was ist passiert?", fragt Mrs. Féng mit aufgerissenen Augen. Das wüsste Thomas auch gern.

"Oh, das wird nicht klappen"

Zwei Stunden später ist die Gefahrenstelle notdürftig gesichert. Niemand kann mehr runterfallen, nur sind die Stahlträger und Teile des Parketts ruiniert. Schon morgen soll die fehlende Scheibe ersetzt werden. Solche Dinge gehen in China schnell.

Aber abends ist noch nichts passiert. Am Telefon sagt Mrs. Féng freundlich, so schnell sei wohl doch keine Scheibe dieser Größe lieferbar - es dauere "vielleicht zehn Tage". Thomas sagt, er möchte die Scheibe bitte bis zum nächsten Nachmittag. "Oh, das wird nicht klappen" - "Das muss klappen!" Kaum eine halbe Stunde später ruft Mrs. Féng zurück und sagt, Arbeiter könnten die Scheibe morgen gegen drei einsetzen. Chinesen sind unglaubliche Organisationstalente - wenn man sich nicht mit der erstbesten Antwort zufrieden gibt.

Tatsache, am nächsten Tag tragen fünf Arbeiter eine passgenaue Scheibe mit vereinten Kräften und bloßen Händen in die Wohnung. Vorsichtig und mit kleinen Schritten nähern sie sich dem Abgrund, wollen langsam die Scheibe zwischen zwei Stahlträger einfügen. Doch die Decke ist etwa zehn Zentimeter niedriger als die Fensterfront. Der Versuch scheitert, die Scheibe von innen "einzuhebeln".

Schickes Design? Wozu? Hauptsache, der Auftrag ist erfüllt

Nun versuchen die Männer, die Scheibe unten so weit nach draußen zu halten, dass sie sich oben in den engen Spalt einfügen lässt. Ein filmreifes Desaster: Vier Quadratmeter Glas gleiten ihnen aus der Hand und rasen in die Tiefe. Ein Wunder, dass niemand verletzt wird.

Nächster Tag, zweite Scheibe, neuer Plan. Von einer Leiter aus schlagen die Handwerker wie wild auf die Decke ein - nah am Fenster wollen sie den Raum durch großzügiges Wegschlagen etlicher Zentimeter Beton höher machen. Nach sechs Stunden ist die neue Scheibe tatsächlich drin. Damit sie nicht erneut abstürzt, hatte man schlicht eine auf beiden Seiten drei Zentimeter zu breite Scheibe bestellt. Die sitzt nun nicht mehr formschön zwischen den weißen Designer-Stahlelementen, sondern hässlich davor, mit viel Silikon von innen angeklebt. Auftrag erfüllt.

Die Bilanz:

  • Erste Scheibe zerschmettert. Aber wo ist das Problem? Es wurde ja eine neue bestellt.
  • Die zweite Scheibe wurde nicht sauber eingefügt, sondern hässlich angeklebt. Aber wo ist das Problem? Die Scheibe bietet jetzt wieder den nötigen Schutz.
  • In der Decke ist ein klaffendes Loch. Aber wo ist das Problem? Auch das kann ja repariert werden.

Wo genau ist also Thomas' Problem?

Ich erzählte die Geschichte einer in Deutschland lebenden chinesischen Freundin. Sie bestätigte mir, dass durch die Kulturrevolution und die turbulente Mao-Zeit die meisten Chinesen der letzten Generation keine richtige Bildung genießen konnten(fast alle städtischen Jugendlichen wurden damals zur Zwangsarbeit aufs Land und in die Fabriken geschickt). Das Gros sei relativ ärmlich, minimalistisch und mit schlechter Ausbildung aufgewachsen, bestimmt auch Thomas' Arbeiter. Zu Hause seien sie froh, wenn sie ein Dach über dem Kopf haben und alles, was sie besitzen, eine Funktion erfüllt.

Besucht man beispielsweise einfache chinesische Familien, stellt man schnell fest, dass die Möbel kaum zueinander passen. Hauptsache, sie erfüllen einen Zweck. Wie die Couch der Oma meiner Freundin - die ist türkis! Die Oma sagt: War günstig, hält im Winter warm, kann man gut drauf liegen. Die Farbe war nicht wichtig. Genauso werden die Arbeiter bei Thomas gedacht haben: Hauptsache, dass er wieder eine warme Wohnung mit Fenster hat - was will er denn mehr?

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